Beim Fastenbrechen im Rathaus
Gestern abend war ich beim Fastenbrechen, erstmals, es fand zum zweiten mal statt als Einladung ins Rathaus. Vorneweg hielt Oberbürgermeister Rosenthal eine Rede in der er sich in Anlehnung an die Aussage des Bundespräsidenten Wulff positionierte, dass der Islam auch zu Würzburg gehöre. Dann stellten sich die sechs Würzburger muslimischen Gemeinden vor, zwischendrin etwas traditionelle arabische Musik. Eine moderne muslimische Gemeinde wurde von einer Frau vorgestellt. Insgesamt waren unter den Gästen die Männer deutlich in der Überzahl.
Um 21.03 Uhr – Sonnenuntergang – sang einer der Imame ein Gebet, es mag 4,5 Minuten gedauert haben, laut, mit Mikro verstärkt muss es durch das ganze Rathaus gehallt sein. Ich dachte mir dabei, einem christlichen Priester hätte man das wohl nicht erlaubt im säkularen Raum solche religiöse Riten zu begehen. – Ich selbst bin ja vor 3 Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten und würde mich auch schon länger nicht mehr als gläubig bezeichnen. – Als Akt der Einbeziehung und Toleranz kann man das, finde ich aber, einmal im Jahr akzeptieren.
Mit den insgesamt ca. 140 Leuten ging es schließlich in die Kantine zum eigentlichen Fastenbrechen, sprich zum Essen. Die städtischen Vertreter und Stadträte sollten sich an den Tischen verteilen, um auch etwas mit den Gästen ins Gespräch zu kommen. Ich landete an einem Tisch mit jungen Männern, die im Frauenland mit Kindern mit Migrationshintergrund als Betreuer arbeiten. Wir kamen dann auch ins Gespräch, zunächst sprachen sie aber türkisch. Alle waren in Deutschland geboren in verschiedenen Bundesländern, wählen konnten sie noch nie weder in der Türkei noch in Deutschland. Interesse an der deutschen Politik scheinen sie dennoch zu haben. Eine Art deutsch-türkischer Nationalstolz drückte sich in Aussagen reihum aus: “Ich bin stolz Baden-Würtemberger, Bayer, Berliner… zu sein”. Am Ende kam ihr Imam an den Tisch und sagte an sie gerichtet: “Jetzt ist Schluss mit dem Spass, es geht nachhause zum Beten”. Die eben noch fröhlichen jungen Männer waren plötzlich still und ernst. Neben anderen Gedanken hinterlies diese Situation auf meinem Heimweg doch Nachdenklichkeit bei mir. Das Rathaus und insbesondere den Ratssaal als Arbeitsstätte des Stadtrates immer wieder auf andere Weise und anderen Menschen zu “bespielen” gibt ihm aber jedes mal etwas mehr der Würzburger Vielfalt und Lebendigkeit, so wie sie ist: mal konservativ mal modern, mal bunt mal uniform, mal populistisch mal nachdenklich…
Verfasst: 08. August 2011 unter Stadtrat Würzburg, Würzburg.
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