#ThMJusB – Substanzaufbau via Twitter?
Vor einigen Wochen sah ich in einer Talkrunde bei Beckmann den ersten Grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der dort zu seiner zuvor geäußerten Aussage, er lebe von der Substanz, befragt wurde. Er sagte, ich glaube zweimal, er habe bei seinem gefüllten Tageskalender nicht die Zeit noch Substanz aufzubauen, wie etwa durch die Lektüre Thomas Manns “Jakob und seine Brüder”. Nun sehe ich selbst mich als jemand, der noch Substanz aufbaut und zudem gerne liest, also besorgte ich mir eine Gesamtausgabe von “Jakob und seine Brüder”, tatsächlich besteht das Werk, das als ein Hauptwerk Manns gilt, aus vier Büchern.
Als ich den ersten Satz las, kam mir sofort der Gedanke ihn zu twittern, was ich dann auch tags darauf tat. Nachdem ich erste Seiten nebenbei gelesen hatte, war mir klar, das Buch braucht einen Ort. Der Ort ist ein doppelter: Mein Bett zunächst, gelesen wird es also in der Regel abends, und der zweite Ort ist das Internet, genauer Twitter und Facebook. Im “Vorspiel Höllenfahrt”, das aus 10 Kapiteln besteht, twitterte ich pro Kapitel in der Regel einen Satz. Das ist gar nicht so einfach, weil viele Sätze deutlich länger sind als die Maximalzahl bei Twitter von 140 Zeichen erlaubt. Zum Teil twitterte ich also nur Teilsätze.
Das Vorspiel von ca. 40 Seiten habe ich nun fertig gelesen und der Gedanke ist natürlich den Rest des Buches nach dem gleichen Verfahren weiter zu twittern. Warum das Ganze? Nennen wir es einen experimentellen Substanzaufbau mit offenen interaktiven Elementen. Es ist mein altes Thema: Der Betrachter sieht, wenn er vor einem Bild steht, sein eigenes Bild, er konstituiert, neben vielen anderen das Werk selber auf individuelle Weise. So viel kann ich schon sagen, die Methode einen Satz auszuwählen, den ich dann twittere, erfordert meine erhöhte Aufmerksamkeit und führt dazu, dass ich verschiedene Stellen und Passagen mehrfach lese. Schließlich kann man mit der Suchfunktion auf Twitter alle Tweets mit #ThMJusB gereiht lesen und erhält somit einen fortlaufenden von mir gewählten Ausschnitt, einen Ausschnitt meiner jeweils gesetzten Bedeutsamkeit. Wenn dann jemand über Twitter oder Facebook (meine Tweets erscheinen automatisch auch auf Facebook) einen Kommentar schreibt, schreibt sich dieses zusätzlich ein. Man mag kritisch anmerken, reduziert das nicht das Werk Manns auf eine Methode?
Für mich wird die Lektüre dadurch reicher! Was andere damit machen, liegt an ihnen selber!
“Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?”
(Erster Satz aus: Thomas Mann, Jakob und seine Brüder.)
Verfasst: 10. Oktober 2011 unter Hypertext, Interaktiv.
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